Copyright Sabine Speer 2026
Neue Lyrik
Auf Reisen
Gern blick ich nachts auf fremde Straßen
schau, wie der Mond über Baumspitzen rollt
und sein Antlitz
in nachtblauen Pfützen betrachtet.
Lächelnd. Zufrieden.
Nichts bedeute ich dem fremden Zimmer
es umhüllt mich
ohne Lust und Widerwillen.
Und ich muss niemand sein.
Lächelnd. Zufrieden.
Im Regen
Und draußen auf der Straße
da laufen sie
Regentüten auf dem Kopf
die Füße in schlammigen Pfützen verloren
Schnell, schnell
nach Haus.
Bei einer Kanne Tee
die Schultern sinken lassen.
Ein Lächeln sitzt gegenüber.
Zweisam
Vertraute kleine Gesten
im letzten Augenblick
dann lass ich los und kehre
in mein Selbst zurück.
Die Jahre waren liebevoll
vertraulich und verhasst
die schöne Zweisamkeit, verblasst
verblasst
Der große neue Raum vor mir
was stelle ich hinein?
Was immer mir jetzt auch passiert
darf nicht von gestern sein.
Eisige Zeiten
Zaghaft über das singende Eis
Ein vorsichtiger Schritt
dann noch einer
Leise Gebete unter dem harten Frost
unverklungen, unerhört.
Die folgenden zehn Gedichte wurden zwischen den Jahren 2005 und 2013 in den Ausgewählten Werken der Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte und der Brentano-Gesellschaft Frankfurt/ M. veröffentlicht.
Verloren
Lieber, deine Küsse perlten von meinem Körper
wie Wein von einem kalten Glas.
Welcher Gott hat dir befohlen und
war dein Zeuge in finsterer Nacht?
Kannst du nicht gehen
wenn brennende Haut zur schützenden Hülle wird
und böse Geister der Finsternis
nach deiner Seele greifen?
Tauche ein
ein heißes Meer von sündiger Verschwendung
umspült deinen Körper,
deine Seele im gleißenden Strom.
Haltlos
ihr nachsehen in träumerischer Trägheit.
Der Tag ist fern
das Licht – nur eine leise Erinnerung.
All diese Jahre
All diese Jahre
in denen Sehnsucht im Feuer sich wand
zehntausendfach gestorben
unter einstürzenden Sternendächern.
All diese Nächte
im Sturm verzweifelter Träume
immer am Abgrund
immer auf nassen Straßen
die ihr Ende suchten.
All diese Zeit
die vor mir flieht
die Götter strafen uns
mit Vergangenem und Verlorenen.
Dein Antlitz löst sich
mit der Morgensonne auf.
Schenke mir Dunkelheit.
Wanderer
So wandere ich durch deine dunklen Nächte,
entzünde Feuerberge an deinen Ufern
undurchdringlicher Finsternis.
Schweige, lausche in banger Erwartung
auf den fortspülenden Rhythmus deiner Hingabe.
Leise lecken schäumende Wellen
am rauen Sand,
unmerklich wird Stück für Stück hinfort getragen.
Sanft, nachdrücklich, gnadenlos
verwischt das Meer die Konturen des Seins.
Nimm mich auf in dir;
von deinen Händen tropft weiches Vergessen.
Schon löst sich meine Sohle vom festen Grund;
das Wasser trägt, wenn es keinen Widerstand spürt.
Zeit
Schwitzende Nächte umflüstern
greiser Eichen Rinde.
Das braunrote Blatt spürt noch
den Kuss den Morgentaus,
schwankt im Atem der späten Winde
bevor es sich löst aus unruhigen Träumen.
Zwischen bleichen Stämmen hervor
stürzt ein Echo, verliert sich im
treibenden Blätterschwarm.
Beharrlich wuchert die Zeit über
grauer Felsen Stille.
